Bundesgesundheitsminister Jens Spahn im exklusiven Interview

„Wir sehen eine Pandemie der Ungeimpften!“

dpd DRIVER’S RADIO – Deutschlands Autoradio – hat mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn über Reisen in der Pandemie, Impfungen und die bevorstehende Bundestagswahl gesprochen. Die Corona-Schutzimpfung ist für ihn der Schlüssel zu mehr Freiheit und Normalität. Gerade Reisende müssten sich aber auch weiterhin auf Einschränkungen einstellen. Die Maskenpflicht – auch in Bus und Bahn – bleibt vorerst bestehen. Denn nach wie vor gibt es zu viele Ungeimpfte. Das Risiko, durch voreilige Öffnungen das Gesundheitssystem zu überlasten, erachtet der Bundesminister noch als zu hoch. Auf den Bundestagswahlkampf hingegen schaut er optimistisch. Auch das Umfrage-Hoch von Olaf Scholz scheint Jens Spahn nicht zu beunruhigen. Dieser sei „das Feigenblatt einer 70er Jahre SPD“.  

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Die Sommerferien neigen sich dem Ende. In einigen Bundesländern stehen schon die Herbstferien kurz bevor. Die Möglichkeiten des Reisens haben sich im Vergleich zum vergangenen Jahr jedoch geändert. Für Bundesgesundheitsminister Jens Spahn ist klar: „Wer geimpft ist, hat kaum noch Einschränkungen beim Reisen.“ Durch den Wegfall von Test- und Quarantänepflichten seien sowohl das grenzüberschreitende Reisen in Europa als auch Unternehmungen im Urlaub für Geimpfte und Genese leichter. Daher lautet der Appell des Bundesministers: „Wer viel reist, sollte sich impfen lassen! Weil Reisen in der Pandemie ein höheres Risiko hat. Impfen macht den Urlaub sicherer.“

Dabei betont Spahn: „Ob man sich impfen lässt ist eine persönliche Entscheidung, ja. Aber sie betrifft auch andere: das engste Umfeld, die Kollegen, Mitreisende und uns als Gesellschaft. Die Frage, wie gut wir durch die vierte Welle kommen, entscheidet sich mit jeder einzelnen Impfentscheidung.“

Für den Gesundheitsminister ist klar: „Wer sich nicht impfen lässt wird in Herbst und Winter mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit ohne Schutz infiziert werden.“ Daher brauche es auch weiterhin die Maskenpflicht in Bussen und Bahnen. „Wir haben zu viele Ungeimpfte. 90 Prozent der Covid19-Intensivpatienten sind ungeimpft. Die Infektionsrate bei Nichtgeimpften ist zwölfmal so hoch wie bei Geimpften. Gerade in Bus und Bahn weiß man nicht, ob mein Gegenüber geimpft ist oder nicht. Da machen Masken Sinn.“

Sein Ziel, so Spahn, sei es wieder Freiheit und Normalität wie vor der Pandemie herzustellen. „Dabei ist mir als Bundesminister für Gesundheit ein Argument sehr wichtig: wir müssen uns ziemlich sicher sein können, dass wenn wir alles wieder frei machen das Gesundheitssystem nicht überlastet wird. Dass Pflegekräfte und Ärzte, die drei Mal ans Limit gegangen sind, das nicht nochmal erleben müssen oder wir gar eine Überlastung sehen. Noch ist die Zahl der Ungeimpften zu groß.“

Um Lockerungen wie in Dänemark oder dem Vereinigten Königreich auch hierzulande realisieren zu können brauche es laut Spahn eine deutlich höhere Impfquote von mindestens 80 Prozent. „Da sind wir noch nicht. Das ist der entscheidende Unterschied. Warum geht es in Dänemark und bei uns nicht? Die einfache Antwort ist: da haben sich tatsächlich viel mehr impfen lassen.“ Ein Informations- oder Aufklärungsdefizit zur Corona-Schutzimpfung sieht der Bundesminister nicht. Wichtig sei für ihn vor allem das Schaffen zusätzlicher, einfacher Impfangebote, um die Impfquote zu steigern. Viele Menschen, die Vorbehalte gegenüber der Impfung haben, hätten nachvollziehbare Fragen über Sicherheit Folgewirkungen der Impfung. „Die meisten Fragen kann man erläutern und besprechen“, so Spahn. Zudem kursierten in den sozialen Medien auch viele Gerüchte. Skeptikern rät er daher: „Wenn Sie in einer WhatsApp Gruppe eine Behauptung sehen fragen Sie im Zweifel ihren Arzt, das ist eine verlässlichere Information.“

Mit Blick auf den Bundestagswahlkampf der Union forderte Jens Spahn jüngst öffentlich einen Strategiewechsel. Im Interview mit dpd DRIVER’S RADIO erklärt er, wie dieser aussehen sollte. Es brauche neben inhaltlicher Aufladung auch mehr Attacke und mehr Reibung. Dem Spitzenkandidaten Laschet sei das im TV-Triell mit Olaf Scholz und Annalena Baerbock geglückt. „Armin Laschet hat genau dahin umgeschaltet. Das ist genau das, was wir in den nächsten Wochen brauchen. Das war ein guter Start“, so Spahn.

Die SPD sieht der Gesundheitsminister dabei als keine Alternative zur Union – auch nicht in sozialen Themen. Deutschland sei schon jetzt „das sozialste Deutschland, das es jemals gab. Mit einem super funktionierenden Sozialsystem.“ Neue Ansätze seien von den Sozialdemokraten ohnehin nicht zu erwarten. „Unabhängig davon ist Olaf Scholz das Feigenblatt einer 70er Jahre SPD“, so Spahn. „Lesen Sie sich das Programm einmal durch. Die Vermögenssteuer höre ich mir seit 20 Jahren als Wahlkampfschlager an. Das ist alles von vorgestern. Olaf Scholz schafft es, dass das alles nicht gesehen und gehört wird und versucht so Erbschleicherei bei Angela Merkel zu machen. Das funktioniert aber nicht, solange er nicht die gleiche Politik machen will. Und er schließt keine Koalition mit der Linkspartei aus. So jemanden kann sich nicht zum Erben von Frau Merkel erklären!“

Für den Gesundheitsminister steht fest: „Natürlich wollen wir ein soziales Deutschland. Aber ein soziales Deutschland muss auch wirtschaftlich stark sein. Ich möchte nicht die Rezepte der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts. Ich möchte in den 20er Jahren dieses Jahrhunderts Zukunft gestalten. Das ist der Unterschied.“ Auch wenn die Umfragewerte für Armin Laschet so tief wie noch nie liegen zeigt sich Jens Spahn unbesorgt und verweist auf das Team hinter dem Kandidaten. „Wir kämpfen gemeinsam in den nächsten Wochen. Wer Union wählt, kriegt auch Markus Söder, Friedrich Merz, Annegret Kramp-Karrenbauer oder Jens Spahn.“ Letzterer jedenfalls scheint zuversichtlich auf die bevorstehende Bundestagswahl zu schauen.

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